Elektrosanierung im Altbau: Wann müssen Leitungen erneuert werden?

Die Elektrosanierung im Altbau ist ein zentrales Thema für Eigentümer, Käufer und Sanierer älterer Gebäude. Viele elektrische Anlagen wurden zu einer Zeit installiert, in der der heutige Strombedarf und moderne Sicherheitsstandards noch keine Rolle spielten. Veraltete Leitungen, fehlende Schutzmaßnahmen und überlastete Stromkreise stellen daher ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar.
Doch wann müssen elektrische Leitungen tatsächlich erneuert werden und wann reicht eine Teilmodernisierung aus? Diese Frage ist nicht nur aus technischer, sondern auch aus rechtlicher und versicherungsrelevanter Sicht entscheidend. In diesem Beitrag erfahren Sie, welche Anzeichen auf einen Sanierungsbedarf hindeuten, welche Normen zu beachten sind und warum eine fachgerechte Bewertung durch einen qualifizierten Elektriker im Altbau unverzichtbar ist.
Gefahrenquelle klassische Nullung: Warum alte Leitungen lebensgefährlich sind.
Die sogenannte klassische Nullung ist ein veraltetes Schutzsystem, das in vielen Altbauten noch immer anzutreffen ist und heute als erhebliche Gefahrenquelle gilt. Bei dieser Installationsart werden Schutzleiter und Neutralleiter in einer gemeinsamen Leitung geführt. Was früher als zulässig galt, entspricht längst nicht mehr den aktuellen Sicherheitsstandards und stellt ein ernstes Risiko für Menschen und Gebäude dar.
Das größte Problem der klassischen Nullung liegt darin, dass bei einer Unterbrechung des Neutralleiters plötzlich gefährliche Spannung auf den Gehäusen angeschlossener Geräte anliegen kann. In einem solchen Fall werden eigentlich ungefährliche Metallteile stromführend, ohne dass Sicherungen oder Schutzschalter auslösen. Das Risiko eines lebensgefährlichen Stromschlags ist dabei besonders hoch.
Hinzu kommt, dass moderne Schutzmaßnahmen wie FI-Schutzschalter (RCD) bei klassischer Nullung entweder nicht eingesetzt werden können oder ihre Schutzwirkung verlieren. Dadurch fehlt ein zentraler Sicherheitsmechanismus, der bei Fehlerströmen zuverlässig abschaltet. Auch die steigende Anzahl leistungsstarker Elektrogeräte überfordert alte Leitungen häufig und erhöht die Brandgefahr durch Überlastung und Überhitzung.
Zusammengefasst ist die klassische Nullung mit heutigen Sicherheitsanforderungen nicht mehr vereinbar. Alte Leitungen mit diesem System müssen im Rahmen einer Elektrosanierung dringend erneuert werden. Eine fachgerechte Modernisierung durch einen qualifizierten Elektromeisterbetrieb ist unerlässlich, um lebensgefährliche Risiken zu beseitigen und den sicheren Betrieb der elektrischen Anlage dauerhaft zu gewährleisten.
Austausch des Zählerschranks nach aktuellen TAB-Richtlinien.
Der Austausch des Zählerschranks ist in vielen Gebäuden unumgänglich, wenn die bestehende Anlage nicht mehr den aktuellen Technischen Anschlussbedingungen (TAB) des Netzbetreibers entspricht. Alte Zählerschränke sind häufig für heutige Anforderungen wie moderne Sicherungssysteme, FI-Schalter, Smart Meter, Photovoltaikanlagen oder Wallboxen nicht ausgelegt und stellen ein Sicherheits- sowie Genehmigungsproblem dar.
Die aktuellen TAB schreiben unter anderem eine standardisierte Bauform, ausreichenden Platz für Zählerfelder, Verteilerfelder und Zusatzanwendungen sowie eine klare Trennung von Mess- und Verteilerbereichen vor. Zudem müssen Zählerschränke für den Einbau moderner Messeinrichtungen und intelligenter Messsysteme vorbereitet sein. Ältere Schränke erfüllen diese Anforderungen in der Regel nicht mehr und werden von Netzbetreibern bei Umbauten oder neuen Anschlüssen nicht akzeptiert.
Ein Austausch ist besonders dann erforderlich, wenn größere Maßnahmen an der elektrischen Anlage geplant sind, etwa eine Elektrosanierung, der Anschluss einer PV-Anlage, die Installation einer Wallbox oder eine Leistungserhöhung des Hausanschlusses. Auch bei sicherheitsrelevanten Mängeln, wie fehlender Berührungsschutz, veralteter Absicherung oder unzureichender Erdung, besteht dringender Handlungsbedarf.
Der Austausch des Zählerschranks darf ausschließlich durch einen eingetragenen Elektromeisterbetrieb erfolgen. Dieser stimmt die Ausführung mit dem zuständigen Netzbetreiber ab, setzt die TAB korrekt um und sorgt für eine normgerechte Inbetriebnahme. Nur so ist gewährleistet, dass die Anlage sicher betrieben werden kann und alle rechtlichen sowie versicherungsrelevanten Anforderungen erfüllt sind.
Schritt-für-Schritt-Ablauf einer kompletten Neuverkabelung.
Eine komplette Neuverkabelung ist ein umfangreiches elektrotechnisches Projekt, das sorgfältige Planung und fachgerechte Ausführung erfordert. Der Ablauf folgt dabei klaren Schritten, um Sicherheit, Normkonformität und einen reibungslosen Betrieb der elektrischen Anlage zu gewährleisten.
Zu Beginn steht die Bestandsaufnahme und Planung. Ein Elektromeister prüft die vorhandene Installation, ermittelt den aktuellen und zukünftigen Strombedarf und erstellt ein Installationskonzept. Dabei werden Anzahl und Position von Steckdosen, Schaltern, Lichtauslässen, Stromkreisen sowie Sonderanschlüssen festgelegt. Gleichzeitig erfolgt die Abstimmung mit geltenden DIN-VDE-Normen und den Technischen Anschlussbedingungen des Netzbetreibers.
Im nächsten Schritt wird die Baustelle vorbereitet. Die alte Elektroinstallation wird spannungsfrei geschaltet und – sofern erforderlich – vollständig demontiert. Wände, Decken oder Böden werden für neue Leitungswege geöffnet, etwa durch Schlitzen oder das Verlegen von Installationszonen. Dieser Schritt erfordert besondere Sorgfalt, um Bausubstanz und Statik nicht zu beeinträchtigen.
Anschließend erfolgt das Verlegen der neuen Leitungen. Die Kabel werden nach Plan in Leerrohren oder direkt in den vorgesehenen Installationszonen verlegt. Gleichzeitig werden Unterputzdosen, Abzweigdosen und Verteilerkästen gesetzt. Dabei wird bereits auf ausreichende Leitungsquerschnitte, getrennte Stromkreise und Reservekapazitäten für spätere Erweiterungen geachtet.
Darauf folgt der Anschluss im Sicherungs- und Zählerschrank. Neue Leitungsschutzschalter, FI-Schutzschalter und gegebenenfalls Überspannungsschutz werden installiert. Alle Stromkreise werden eindeutig beschriftet und sauber dokumentiert. Der Zählerschrank wird – falls nötig – auf den aktuellen TAB-Stand gebracht.
Im nächsten Schritt werden Steckdosen, Schalter, Leuchtenanschlüsse und feste Verbraucher fachgerecht angeschlossen. Dabei wird überprüft, ob alle Anschlüsse korrekt ausgeführt sind und den geplanten Stromkreisen entsprechen.
Abschließend erfolgt die Prüfung und Inbetriebnahme. Nach DIN VDE werden Sichtprüfungen, Messungen und Funktionsprüfungen durchgeführt. Alle Ergebnisse werden in einem Prüfprotokoll dokumentiert. Erst nach erfolgreicher Prüfung wird die Anlage offiziell in Betrieb genommen und an den Eigentümer übergeben.
Eine vollständige Neuverkabelung erhöht nicht nur die Sicherheit, sondern schafft auch die Grundlage für moderne Technik und zukünftige Anforderungen. Die Durchführung durch einen qualifizierten Elektromeisterbetrieb ist dabei zwingend erforderlich, um Normen, Haftung und Versicherungsschutz einzuhalten.
Schlitzfräsen oder Aufputz? Verlegearten im Vergleich.
Bei einer Elektrosanierung stellt sich häufig die Frage: Unterputz mit Schlitzfräse oder Aufputz verlegen? Beide Verlegearten haben klare Vor- und Nachteile und eignen sich je nach Gebäudetyp, Budget und Nutzungsanforderung unterschiedlich gut. Eine falsche Entscheidung kann zu unnötigen Kosten, Bauverzögerungen oder optischen Nachteilen führen.
Unterputzverlegung (Schlitzfräsen)
Bei der Unterputzinstallation werden Kabel in gefräste Schlitze in Wand oder Decke gelegt und anschließend verputzt.
Vorteile:
- Saubere, unsichtbare Optik
- Höherer Schutz vor mechanischen Beschädigungen
- Wertsteigerung der Immobilie
- Entspricht dem heutigen Wohnstandard
Nachteile:
- Hoher Arbeits- und Zeitaufwand
- Staub- und Lärmbelastung
- Nachträgliche Änderungen nur mit erneuten Stemmarbeiten
- Bei Altbauten statische Einschränkungen möglich
Geeignet für:
- Kernsanierungen
- Neubauten
- Wohnungen mit hohen optischen Ansprüchen
Aufputzverlegung
Bei der Aufputzinstallation werden Leitungen sichtbar in Kabelkanälen oder Rohren auf der Wand verlegt.
Vorteile:
- Schnelle und kostengünstige Montage
- Kaum Schmutz und Bauschäden
- Leicht erweiterbar oder nachrüstbar
- Ideal für bewohnte Gebäude
Nachteile:
- Sichtbare Kabelkanäle (optischer Nachteil)
- Geringerer mechanischer Schutz
- Weniger wertsteigernd
Geeignet für:
- Altbauten ohne Komplettsanierung
- Keller, Garagen, Werkstätten
- Temporäre oder erweiterbare Installationen
Welche Lösung ist die richtige?
- Optik & Wohnkomfort wichtig? → Schlitzfräsen / Unterputz
- Schnell, flexibel & kostengünstig? → Aufputz
- Altbau mit dünnen Wänden oder Denkmalschutz? → meist Aufputz
In der Praxis wird häufig eine Kombination beider Systeme eingesetzt – z. B. Unterputz in Wohnräumen, Aufputz in Keller oder Nebenräumen.
